Irritierende Berichterstattung zu tödlichem Schuss eines Polizisten auf einen Asylbewerber

Mit großer Irritation verfolge ich die Berichterstattung des Tageblatts zu dem Drama in der Bützflether Flüchtlingsunterkunft. Dass ein 19-Jähriger im Rahmen eines Polizeieinsatzes stirbt, ist erschütternd. Meine erste Irritation kam, als ich am Montag die Schlagzeile „Tödlicher Schuss in Bützflether Asylheim“ las, und erst nachher erfuhr, dass nicht ein Asylsuchender auf einen anderen geschossen hatte, sondern die Polizei. Denn diese zentrale Information – wohl Zweck einer Überschrift –fehlte. Meine zweite Irritation war am Dienstag dann ein redaktioneller Beitrag, der ein Schreiben des AfD-Politikers Hampel ohne jegliche redaktionelle Stellungnahme fast wörtlich wiedergab. Hampel hatte die in der Online-Ausgabe sachlich korrekte Überschrift „Tödliche Schüsse in Stade: Polizist erschießt Geflüchteten“ als „reißerisch“ kritisiert. Ist die spätere Schlagzeile „Tödlicher Schuss in Bützflether Asylheim“ in der Printausgabe eine Anpassung an die AFD-Kritik? Des Weiteren klingt es schon etwas absurd, dass Hampel zwar an die Medien appelliert, keinerlei Bewertungen zu noch ungeklärten Abläufen vorzunehmen (wo sicher jeder zustimmen wird), im gleichen Atemzug aber „von verschiedenen Delikten“ des Asylsuchenden spricht, was nach Aussage des Staatsanwaltes sachlich falsch ist. Außerdem stellt er die Wertung in den Raum, dass kein Polizist „ohne zwingende Not einen Menschen erschießen“ würde. Zweifellos gilt dies für die übergroße Mehrheit der Polizisten, die auch in sehr schwierigen Situationen besonnen handeln. Dass es aber auch einzelne andere Fälle gibt, ist bekannt, ganz abgesehen von Polizisten, die - wie jetzt gerade aufgeflogen - in rechten Netzwerken wie dem Nordkreuz eingebunden sind. Und deshalb ist in jedem Fall eine sehr genaue Überprüfung – auch im Interesse der Polizei selbst – unbedingt erforderlich. Und noch eine dritte Irritation hatte ich, als ich am Mittwoch in dem Artikel über Reaktionen auf das Drama in Bützfleth in der Schlagzeile groß aufgemacht die Forderung der AfD „Taser für Polizisten!“ und nicht etwa die Stellungnahme von Herrn Pistorius oder vom Flüchtlingsrat oder des Kriminologen Feltes widerfand. Ich glaube nicht, dass das Tageblatt willentlich die Scharfmacherpartei AfD protegieren will – doch auch der Eindruck vorauseilenden Gehorsams wäre fatal!

Barbara Erhardt-Gessenharter, Stader Straße, Buxtehude